Raab, Michael: (Poly-)Parenthood between project logic and gender identity. In: Sexualities

Abstract: Romantic love unites a man and woman as a couple. The birth of a child confirms the righteousness of this union and prolongs it into eternity – so the myth goes. Simultaneously, the demand for a well-planed and economically optimized parenthood is increasing. How do (potential) non-monogamous parents deal with these multiple demands? Based on an intersectional multi-level-analysis of 13 interviews, the article describes three gender-specific modes of subjectivation: A strong self-identification with the ideal of the autonomous subject, deconstructing fatherhood while reproducing motherhood and poly-parenthood as a project of social planning. The article shows which narratives of personal development occur empirically in relation to relationship management and parenthood, and how these narratives are either reconciled or weighed against each other. It becomes clear that the idea of polyamory as a means for personal development is widespread and is partly accompanied by an ideal of individual independence of an autonomous subject which does not go well with parenthood. Deconstructing fatherhood while reproducing motherhood turns out to systematically reinforce traditional gendered modes of subjectivation. It also became evident that there is an underlying idea of community development in which children become a part of a comprehensive project of joint self-improvement.

https://doi.org/10.1177/13634607211056880

Michel Raab: Wer kümmert sich in der Poly-Familie? Und wieso ist das wichtig?

Als ich die Ergebnisse meiner Studie zu „Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken“ – etwas einfacher gesagt: „Wie kümmern sich Menschen, die polyamor oder anderweitig nichtmonogam leben, umeinander?“ – im Dezember 2019 auf der Tagung „Wurzeln – Bande – Flügel. Familie als Ort der Sozialisation, Kontrolle und Emanzipation“ in der Akademie Waldschlösschen vorgestellt habe, wurde in der anschließenden Diskussion kritisiert, dass ich die Sorge ins Zentrum meiner Untersuchung gestellt habe und sehr wenig über Sex sagen konnte. Der Einwurf traf mich zum ersten Mal: Im akademischen und queer-feministischen Rahmen wurde meine Schwerpunktsetzung in der Regel geteilt, niemals kritisiert. Dass gerade im Waldschlösschen die lieb gewonnene Selbstverständlichkeit „Care ist wichtiger als Sex“ hinterfragt wird, ist vielleicht kein Wunder: Die Schwulenbewegung musste lange darum kämpfen, dass (schwuler) Sex als nicht-verwerflich anerkannt wurde, insofern ist ein spontanes Misstrauen gegenüber Beziehungsdiskursen, die Sexualität scheinbar ausblenden, verständlich. Deshalb will ich im Folgenden (1) explizit begründen, wieso ich Sorge für mindestens genauso wichtig wie Sexualität halte. Im danach werde ich kurz auf die Rolle von Schwulen und Lesben als Pionier*innen konsensuell-nichtmonogamer Lebensweisen eingehen (2), bevor ich zum Schluss (3) zeige, dass es gerade verbindliche Sorgeverhältnisse sind, die den Beteiligten eine partielle Emanzipation von herrschenden Klassen- und Geschlechterverhältnissen ermöglichen.

Raab 2021 – Wer kümmert sich in der Poly-Familie

Raab, Michel (2021). Wer kümmert sich in der Poly-Familie? in: Baglikow, Stephan & Trau, Kim Alexandra (Hg.). Wurzeln — Bande — Flügel. Familie als Ort der Sozialisation, Kontrolle und Emanzipation. Berlin (Salzgeber), S. 90-109

Michael Raab: Spülen zu dritt

„Aus der Aussage »Ich liebe Dich« lässt sich nicht schlussfolgern, wer den Abwasch erledigt. Aus Statistiken schon: Nach einer Zeitverwendungsstudie des Statistischen Bundesamtes (2015) kümmern sich Frauen durchschnittlich fast 27 Stunden pro Woche um Haushalt und Familie, zehn Stunden mehr als Männer. Weitere Geschlechter wurden nicht erfasst, wie auch die Zahlen keine Rückschlüsse über Unterschiede der Aufgabenteilung in verschiedenen Beziehungsformen erlauben. Wie sieht es also aus mit der Care (Sorge), wenn drei oder mehr Menschen einvernehmlich-nichtmonogam zusammenleben? Bedeutet »Liebe zu dritt« auch »Spülen zu dritt«? Oder räumen die beteiligten Frauen einfach mehreren Männern hinterher? Für meine 2019 erschienene Studie »Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken« habe in nichtmonogame Sorgearrangements analyisert. Der folgende Text fasst einige zentrale Ergebnisse zusammen. Vorab lässt sich festhalten: Auch in (hetero- und bisexuellen) Poly-Kontexten kümmern sich Frauen stärker um den Haushalt als Männer – trotz einem weit verbreiteten Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit, der aber in unterschiedlichem Maße erfüllt werden kann…“

Der Text aus dem Sammelband Polyfantastisch fasst die wichtigsten Ergebnisse meiner Doktorarbeit zugänglich zusammen.

Raab, Michel. Spülen zu dritt. In: Raab, Michel; Schadler, Cornelia. Polyfantastisch. Nichtmonogamie als emanzipatorische Praxis. Münster (Unrast) 2020, S. 151-161

Michael Raab: Elterliche Care-Arrangements in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken

Raab, Michael. Elterliche Care-Arrangements in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken. In: Peukert, Almut; Teschlade, Julia; Wimbauer, Christine; Motakef, Mona; Holzleithner, Elisabeth (Hrsg.). GENDER-Sonderheft 5. Elternschaft und Familie jenseits von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit. Opladen (Budrich), S. 156-171

Zusammenfassung: Der Artikel stellt auf der Basis von sieben Interviews aus einem Gesamtsample von 13 Interviews einer qualitativen Studie elterliche Sorge in konsensuell-nichtmonogamen Be-ziehungsnetzwerken dar und fragt, ob die offen gelebte Nichtmonogamie mit Veränderungen in elterlichen Care-Arrangements einhergeht. Er unterscheidet eine Lebensführung mit paarweiser Elternschaft und eine kollektive Elternschaft von mehr als zwei Erwachsenen. Beide Varianten gehen mit un-terschiedlichen Anforderungen einher: Konsensuell-nichtmonogam lebende Elternpaare können auf vielfältige Unterstützung aus ihren Beziehungsnetzwerken zurückgreifen, was von allen Beteiligten positiv bewertet wird. Eltern bleiben dabei ein enger Kern mit Unterstützer_innen, die keine expansiven Rollen einnehmen. Hegemonialen Normen entsprechend übernehmen Mütter mehr Sorgeverantwortung. Kollektive Mehreltern-Konstellationen hingegen können ihre Praxen nicht aus der Selbstverständlichkeit soziokultureller Wissensbestände heraus begründen und sind dazu gezwungen, ihre familiären Bande in unpassende rechtliche Konzepte zu übersetzen. Dadurch entstehen, was auch an mangelnden Rechtsansprüchen der weiteren Bezugspersonen liegt, Dynamiken, die dazu beitragen, dass auch hier die Mütter die Hauptlast der Erziehung tragen.

Schlüsselwörter: Beziehungsnetzwerke, Care, Elternschaft, Geschlechtliche Aufgabenteilung, Konsensuelle Nichtmonogamie, Patchwork-Familien, Polyamory

PDF (Open Access) beim Verlag

Michel Raab & Cornelia Schadler: Polyfantastisch? Nichtmonogamie als emanzipatorische Praxis

»Wann wird ›She loves you‹ nicht mehr ganz selbstverständlich als ›Sie liebt Dich‹ übersetzt, sondern endlich mal mit ›Sie* liebt euch, yeah, yeah, yeah‹?«

»Bedeutet ›Liebe zu dritt‹ auch ›Spülen zu dritt‹? Oder räumen die beteiligten Frauen einfach mehreren Männern hinterher?«

›Polyamory‹ ist mittlerweile in aller Munde, weil sie eine Befreiung aus traditionellen und einengenden Beziehungs- und Familienformen verspricht. Doch nicht nur individuell, auch gesellschaftlich bilden Liebesbeziehungen und Familien zentrale Lebensbereiche. Hier werden soziale Normen und gesellschaftliche Strukturen aufgegriffen und mehr oder weniger eigensinnig modifiziert. Daher ist Beziehungsführung ein hochpolitisches Thema. Dahinter steht die Frage: Kann eine Veränderung von Liebesverhältnissen den Menschen befreien?

Der breitgefächerte Sammelband lotet unterschiedlichste Möglichkeiten der Emanzipation und Subversion in der Beziehungsführung aus.

Münster (Unrast) 2020
ISBN 978-3-89771-282-9
16,00€, 224 Seiten
zur Webseite beim Verlag
Inhaltsverzeichnis

Rezensionen

Raab, Michael: Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken. Sorgende Netze jenseits der Norm.

Polyamorie und andere nichtmonogame Beziehungen werden zunehmend sichtbar. Oft werden sie als selbstbestimmtere und geschlechtergerechtere Alternative zu konventioneller Ehe und Familie gesehen. Die marxistisch, feministisch und intersektional fundierte qualitative Studie zeigt, was diese Beziehungsnetzwerke auszeichnet. Gelingt es im Bereich der Sorge (Care), die selbst gesteckten emanzipatorischen Ansprüche umzusetzen?
Opladen 2019, 256 S., 33,00€.

Die Studie ist in den Jahren 2016-2019 im Rahmen einer Dissertation an der Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik an der Technischen Universität Hamburg entstanden und wurde ermöglicht durch ein Promotionsstipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Rezensionen

  • Zusammen ist man weniger allein von Günter Burkart auf Soziopolis
  • Rezension von Friederike Habermann aus der Contraste – Zeitung für Selbstorganisation
  • Rezension auf socialnet von Angela M. Laußer
  • Neu erschienen: Wie leben? Beziehungsweisen zwischen Revolution & Retraditio­na­lisierung

    Die Broschüre ist 2018 beim Bildungskollektiv Biko erschienen und kann dort gegen Versandkosten bezogen werden.

    Inhalt

  • Vorwort
  • Sarah Speck: Beziehungsweisen und Gesellschaft
  • Frank Lipschik: Familien- und Beziehungsvorstellungen im Rechtspopulismus
  • Doreen Kruppa: Freundschaftszentrierte Lebensweisen: Eine Alternative zu heteronormativen Beziehungswelten?!
  • Michel Raab: Poly leben? Poly kümmern!
  • Michael Raab: Care in Consensually Non- Monogamous Relationship Networks: Aspirations and Practices in a Contradictory Field

    Der Beitrag ist für die 1. NMCI-Konferenz 2015 in Lissabon entstanden und 2018 im Graduate Journal of Social Science erschienen.

    PDF-Download (600kb) beim GJSS

    Ich stelle darin Zwischenergebnisse meiner Dissertation vor, in denen sich abzeichnet, dass emanzipatorische Ansprüche sich am besten umsetzen lassen, wenn sie nicht nur entschieden als geteilte Norm vertreten, sondern auch strukturell untersetzt werden, z.B. durch gemeinsame Haushaltsführung oder verbindliche Kommunikationsformen. Zudem stellt der Artikel die genutzte Methodik – eine Trinangulation von Intersektionalen Mehrebenenanalyse (externer Link) und Netzwerkanalyse – dar.

    ABSTRACT: The paper discusses the question whether currently emerging, new forms of non-monogamous intimate relationships generate new class and gender relations. „Michael Raab: Care in Consensually Non- Monogamous Relationship Networks: Aspirations and Practices in a Contradictory Field“ weiterlesen

    Michael Raab: Kämpfe um Lebensformen und Ressourcen im Feld der konsensuellen Nichtmonogamie

    Der Beitrag ist 2016 für einen Sammelband anlässlich des 60. Geburtstags von Gabriele Winker entstanden. Ich diskutiere darin Kämpfe um nichtmonogame Lebensformen in den Begriffen und Konzepten des Intersektionalen Mehrebenenansatz (Winker 2012) und plädiere auf dieser Grundlage dafür, Lebensformenpolitiken — die sich derzeit vor allem um legitime Identitäten, Diskurse, Normen und Gesetze drehen — stärker auch auf materielle Ressourcen zu beziehen.

    Raab, Michael. Kämpfe um Lebensformen und Ressourcen im Feld der konsensuellen Nichtmonogamie. In: Carstensen, Tanja; Groß, Melanie; Schrader, Kathrin. care|sex|net|work. Feministische Kämpfe und Kritiken der Gegenwart. Münster (Unrast), S. 41-49. Download 600kb PDF